Nicht allein auf Stellensuche: benevol Tandem feiert 20 Jahre
Was tun, wenn Bewerbungen unbeantwortet bleiben und der Mut schwindet? Seit 20 Jahren unterstützt benevol Tandem St.Gallen Stellensuchende auf Augenhöhe: Erfahrene Mentorinnen und Mentoren begleiten sie auf dem Weg zurück in den Arbeitsmarkt. Zum Jubiläum blickt die Programmleiterin Lidia Funari auf zwei Jahrzehnte Engagement und Wandel zurück.
Lidia Funari, was war die ursprüngliche Idee hinter Tandem und wie hat sich das Programm seit der Gründung verändert?
Tandem entstand ursprünglich aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Lanciert wurde das Projekt vom Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons St.Gallen in Zusammenarbeit mit Migros Kulturprozent, der Pro Senectute und benevol St.Gallen. 2008 wurde das Mentoringprogramm Tandem 50plus auf Basis von Tandem 18plus lanciert. Ziel war es, die Arbeitslosigkeit älterer Stellensuchender mit gezielten Angeboten zu reduzieren. Seit 2022 steht Tandem Stellensuchenden jeden Alters offen.
Für Menschen, die Tandem noch nicht kennen: Wie funktioniert das Mentoring konkret und was macht es besonders?
Die Anmeldung erfolgt über die RAV-Personalberatung oder die Sozialen Dienste. Nach einem persönlichen Gespräch bei der Programmstelle wird, falls der Entscheid positiv ist, ein passendes Tandem mit einer Mentorin oder einem Mentor gebildet. Die Begleitung dauert in der Regel 14 Wochen und umfasst eine individuelle 1:1-Unterstützung. Die Zusammenarbeit kann zum Beispiel beinhalten: gemeinsames Sichten und Suchen von Stellen, Optimieren der Bewerbungsunterlagen, Besprechung der Bewerbungsstrategie, Spiegeln und Optimieren des persönlichen Auftritts, Zuhören, Mut machen, Perspektiven wechseln und noch vieles mehr.
Welche Rolle spielen die Mentorinnen und Mentoren und was motiviert sie zu diesem freiwilligen Engagement?
Unsere über 120 Mentorinnen und Mentoren sind äusserst berufserfahrene Personen aus den verschiedensten Bereichen. Sie bringen ihre Erfahrung, ihre Aussensicht und ihr Netzwerk ein. Ihre Motivation ist der Wunsch, etwas Sinnvolles zu bewirken und ihre Lebens- und Berufserfahrung weiterzugeben. Im Tandem steht stets der Mensch im Mittelpunkt.
Wann ist das Mentoring für Sie besonders erfolgreich?
Erfolg zeigt sich nicht nur in einer Anstellung, auch wenn das immer das oberste Ziel ist. Wenn jemand gestärkt wird, neue Perspektiven gewinnt, zu Gesprächen eingeladen wird oder persönliches Wachstum erlebt, ist das für uns ebenso ein wichtiger Erfolg.
Was erleben Stellensuchende typischerweise und wie kann das Tandem sie konkret unterstützen?
Ich erlebe häufig, dass Stellensuchende Phasen tiefer Entmutigung durchlaufen. Viele Teilnehmende haben ihre Arbeitsstelle auf belastende Weise verloren. Die anfängliche Hoffnung im Bewerbungsprozess schwindet bei vielen rasch angesichts der vielen Absagen. Häufig kommen gesundheitliche Einschränkungen, finanzielle Sorgen sowie gesellschaftlicher Druck hinzu. Durch die Unterstützung im Tandem, erhalten Stellensuchende wieder Mut und neue Perspektiven. Die Rückmeldungen zeigen klar: Das Mentoring wirkt stärkend und motivierend.
Der Arbeitsmarkt hat sich stark verändert. Welche Herausforderungen sehen Sie heute für Stellensuchende?
Demografischer Wandel, hohe Veränderungsdynamik am Markt und technologische Entwicklungen prägen den Arbeitsmarkt. Diese Trends fordern sowohl Arbeitgebende als auch Stellensuchende stark.
Wie reagiert benevol Tandem auf Themen wie Digitalisierung oder veränderte Bewerbungsprozesse?
Wir entwickeln unser Angebot laufend weiter und schulen unsere Freiwilligen regelmässig zu aktuellen Themen. Besonders wertvoll war zuletzt ein Anlass zum Thema «Bewerbungen schreiben mit KI», der viele konkrete Impulse für die Begleitung geliefert hat.
Welche Botschaft möchten Sie potenziellen Mentorinnen und Mentoren mitgeben?
Das Engagement im Tandem ist ein Geben und ein Nehmen. Mentorinnen und Mentoren erweitern ihren Horizont, lernen Neues und erleben grosse Sinnhaftigkeit. Zudem entstehen durch Weiterbildungen und Intervisionen wertvolle Begegnungen und ein starkes Gemeinschaftsgefühl.